Neulich saß ich mit einem Geschäftsführer zusammen, der seit zwei Jahren mit einer freien Grafikerin arbeitet. Gute Arbeit, verlässlich, fester Bestandteil des Teams. Er zeigte mir stolz ihren Vertrag: „Passt das so?“

Ich las mich ein – und wusste sofort: Das wird schwierig.

Feste Arbeitszeiten: Der erste Warnsignal

„Die Auftragnehmerin arbeitet montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr.“
Klingt nach Struktur, fühlt sich vertraut an. Aber genau das ist das Problem. Echte Freelancer gestalten ihre Zeit frei. Feste Arbeitszeiten deuten auf ein Arbeitsverhältnis hin – und damit auf Scheinselbstständigkeit.

Besser: Klare Abgabefristen definieren. „Die Leistung ist bis zum [Datum] zu erbringen.“

Keine eigene Betriebsstätte: Der zweite Stolperstein

„Die Arbeit findet in den Räumen des Auftraggebers statt.“
Auch kritisch. Wer ausschließlich beim Kunden arbeitet, hat keine eigene Infrastruktur. Das prüft die Rentenversicherung genau – und zieht oft Arbeitnehmerstatus nach.

Besser: „Der Firmensitz der Auftragnehmerin ist Erfüllungsort für alle vertraglichen Verpflichtungen.“

Weisungsrecht: Der entscheidende Faktor

„Der Auftraggeber gibt die Arbeitsweise und Tools vor.“
Das ist klassisches Weisungsrecht – typisch für Arbeitnehmer. Freelancer entscheiden selbst über Methode und Mittel.

Besser: „Die Auftragnehmerin bestimmt eigenständig Arbeitsweise, -zeiten und -mittel.“

Die harte Realität

Der Geschäftsführer sah mich verständnislos an: „Aber genau so läuft’s bei uns.“
Genau deswegen ist die Grafikerin keine Freelancerin mehr, sondern de facto Teil des Teams.

Warum Scheinselbstständigkeit entsteht

Scheinselbstständigkeit passiert selten absichtlich. Sie schleicht sich ein durch:

  • Gewohnheit („Immer schon so gemacht“)
  • Bequemlichkeit („Feste Zeiten sind einfacher“)
  • Unwissenheit („Hauptsache, es läuft“)

Was zählt: Praxis statt Papier

Wenn die Rentenversicherung prüft, liest sie nicht den Vertrag – sie schaut in die Realität:

  • Wer bestimmt die Arbeitszeiten?
  • Wo wird gearbeitet?
  • Wie wird gesteuert?

👉Fazit: Verträge genau prüfen. Nicht nur die Formulierungen, sondern die gelebte Praxis.

👉Unsicher? Lieber einmal zu viel nachfragen. Ein kurzer Check spart später hohe Nachzahlungen – für alle Beteiligten.